1. Kindheit und Jugend




Hans Gál wurde am 5. August 1890 während der Sommerferien seiner Familie in Brunn am Gebirge, einem Dorf bei Wien, geboren. Der Name Gál ist ungarischen Ursprungs, und beide Eltern stammten aus dem ungarischen Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie. Gáls Großvater mütterlicherseits, Leopold Alt, stammte aus Sopron (Ödenburg) und hatte eine Schneiderlehre begonnen. Nachdem er mit 18 Jahren Lesen und Schreiben gelernt hatte, zog er nach Wien, um Medizin zu studieren; dort stand er 1848 auf den Barrikaden. Er wurde homöopathischer Arzt. Seine älteste Tochter, Gáls Tante Jenny, wurde zur Zeit des jungen Richard Strauss Opernsängerin in Weimar. Auch Gáls Großvater väterlicherseits war Ungar und Arzt. Gáls Vater Josef, der Leopolds jüngere Tochter Ilka heiratete, kam als Student aus Ungarn nach Wien; auch er wurde homöopathischer Arzt.

Gál hatte drei Schwestern: die älteste, Edith (Ditta, geb. 1888), Margarethe (Gretl, geb. 1895) und Ernestine (Erna, geb. 1899). Die Familienwohnung in der Wipplingerstraße 14 nahe dem Stadtzentrum war ansprechend, aber recht beengt, zumal Vater Gál zwei der sechs Zimmer für seine homöopathische Praxis benötigte. Gretl und Erna teilten ein Zimmer, während Hans im Wartezimmer schlafen musste. Zum Arbeiten durfte er allerdings eine Abstellkammer benutzen, in der ein kleiner Schreibtisch und ein Stuhl zwischen einem großen Wäscheschrank und einem ebenso großen Kleiderschrank eingezwängt waren. Trotz ihrer idealen zentralen Lage hatte die Wohnung den Nachteil, dass vier Zimmer nach Süden gingen; die Hitze in der dicht bebauten Stadt machte sie in den Sommermonaten unerträglich. Zu dieser Jahreszeit bezog die Familie deshalb möblierte Zimmer in der Probusgasse 1 im nördlichen Außenbezirk Heiligenstadt, am Rand des Wienerwalds und fast gegenüber dem Beethovenhaus. Einige ältere Bewohner erinnerten sich daran, als Kinder Schneebälle nach Beethoven geworfen zu haben. Zum Haus gehörte auch ein großer Garten. Hanna Gál erinnert sich:

„Die Kinder fanden Spielkameraden, die Eltern spielten Karten usw. Vater Gál organisierte gemeinsame Ausflüge mit den Hausbewohnern, für die ein Handwagen gemietet wurde. … Einer der Bewohner, der gern wanderte, nahm Hans auf seine Ausflüge mit. So erwarb Hans eine bemerkenswert gute Kenntnis der Umgebung Wiens: Mödling, Helenental, Rekawinkel usw. Außerdem nahmen beide stets ihre Skizzenbücher mit, und Hans wurde in die Geheimnisse der Perspektive eingeführt.“ [Persönliche Korrespondenz, Dezember 1988; aus der englischen Fassung übersetzt.]

Mit zehn Jahren wurde Hans auf das Gymnasium geschickt, den einzigen Weg zu einem Universitätsstudium und einer angesehenen beruflichen Laufbahn. Die Schulzeit war wenig erfreulich. Später erinnerte er sich an die

„bedrückend gleichförmigen Klassenzimmer, schlecht geheizt, schlecht belüftet, die nach Desinfektionsmitteln und Toiletten riechenden Flure, in denen wir das ‚Respirium‘ verbrachten, und eine harte, abweisende, unpersönliche Behandlung durch überarbeitete, missmutige Lehrer.“ [Brief an Kleibers Biografen John Russell, 14.9.1956; aus dem Englischen übersetzt.]

Sein enger Schulfreund war Erich Kleiber, der spätere bedeutende Dirigent. Die beiden wurden „die Zwillinge“ genannt, weil sie am selben Tag Geburtstag hatten und die kleinsten Schüler der Klasse waren:

„Wir hielten unsere Hefte immer praktischerweise dicht nebeneinander, um bei schriftlichen Prüfungen heimlich schräg hinüberschauen zu können, und hatten eine gut entwickelte Technik, einander bei Bedarf flüsternd vorzusagen. Und ich sehe mich oder Erich noch, wie wir in fieberhafter Eile ein Stück vergessene Hausaufgaben aus dem Heft des anderen abschrieben, fünf Minuten vor acht, wenn das tägliche Martyrium begann. Auch teilten wir eine angeborene Abneigung gegen Mathematik. Körperliche Bewegung? So gut wie keine. Es gab Turnen, aber unter einem dummen, groben Lehrer, dem schlimmsten Rohling von allen. Unsere natürliche Reaktion als Jungen war, uns durch eine Art dumpfen, passiven Widerstands möglichst unauffällig zu machen und es als unvermeidlichen Teil der täglichen Langeweile zu ertragen. Im Sommerhalbjahr gab es einmal pro Woche Spiele, doch die Teilnahme war freiwillig, und ich glaube, weder Erich noch ich gingen je hin; wir hätten dafür keine Stunde unserer kostbaren Freizeit verschwendet. Es war gewiss eine ungesunde Erziehung.“ [Ebenda; aus dem Englischen übersetzt.]

Dennoch musste Gál ein halbes Jahrhundert später einräumen, dass seine Schulbildung auch Wertvolles enthielt und er neben den klassischen Fächern eine gute Grundlage an Allgemeinbildung erworben hatte. Eines verdankte er seiner Schulzeit jedoch nicht: seine Leidenschaft für Musik.

 

„Musik? Überhaupt keine. Es gab einen erbärmlichen Klassengesang, der nicht verpflichtend war, und wir besuchten ihn wohl kaum länger als vielleicht das erste Halbjahr. Es erscheint merkwürdig, dass in einem Land, das gewöhnlich als eines der musikalischsten der Welt gilt, Musik an der höheren Schule praktisch nicht existierte.“ [Ebenda; aus dem Englischen übersetzt.]

Nach oben