19. Internierung

Die ersten Kriegsjahre waren von Angst geprägt. Auf dem Kontinent verlief der Krieg ungünstig, und die Gefahr einer Invasion rückte immer näher. Die Behörden griffen zu Panikmaßnahmen. Hanna musste die Küstenregion verlassen, zu der auch Edinburgh zählte, und Gál wurde interniert. Ausländer waren zunächst in drei Gruppen eingeteilt worden: Kategorie A war zu internieren, Kategorie B unterlag Beschränkungen, Kategorie C war von beidem ausgenommen. Doch mit dem Fall Frankreichs, der wachsenden Nervosität in der Bevölkerung und Churchills Aufforderung ‚collar the lot‘, also alle festzunehmen, wurde die Internierung bis Pfingsten 1940 auf Kategorie B und einen großen Teil von Kategorie C ausgedehnt. Insgesamt wurden etwa 27.000 ‚feindliche Ausländer‘ interniert, darunter jüdische Flüchtlinge – paradoxerweise gerade jene Gruppe, die den stärksten Grund hatte, aufseiten der Alliierten gegen NS-Deutschland zu stehen. Die Politik sollte natürlich potenziell gefährliche Feinde kontrollieren. Dass sie aber nicht nur wirkliche Nationalsozialisten traf, sondern auch die vor ihnen Geflohenen und beide unterschiedslos zusammen einsperrte, war nicht nur ungerechtfertigt, sondern eine schwere Fehleinschätzung.

Gál wurde wie alle anderen Edinburgher Flüchtlinge am Pfingstsonntag im Mai 1940 verhaftet und zunächst in einem stillgelegten Krankenhaus untergebracht. Nach einigen unbequemen Tagen brachte man sie in ein Lager in Huyton bei Liverpool, einen Monat später nach Douglas auf der Isle of Man. Unter den Internierten waren viele hervorragende Intellektuelle, und bald entstand eine Lager-‚Universität‘ mit Vorträgen, Arbeitsgruppen und Ähnlichem. Manche blühten bei diesem reichen geistigen Angebot auf. Auch Gál fand die Gesellschaft anregend, doch angesichts der Entbehrungen und vor allem ihrer völligen Machtlosigkeit gegenüber einer gedankenlosen, kleinlichen Bürokratie war die Erfahrung alles andere als angenehm. Die Behörden schienen den Unterschied zwischen Nazis und ‚Flüchtlingen vor nationalsozialistischer Unterdrückung‘ nicht verstanden zu haben. Zudem war er von Kriegsnachrichten abgeschnitten und wusste wochenlang nichts über das Schicksal seines ältesten Sohnes Franz. Dieser war gleichzeitig mit ihm interniert, dann aber sofort von ihm getrennt worden. Seine Sorge wurde zur Panik, als in der Irischen See dieSS Arandora Star, torpediert wurde, ein mit Flüchtlingen besetztes Schiff auf dem Weg nach Kanada: Franz hätte an Bord sein können. Im Lager erkrankte Gál außerdem an einem Hautleiden, das so schlimm wurde, dass er mehrere Wochen im Lagerkrankenhaus verbringen musste und schließlich vorzeitig entlassen wurde.

Zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben führte Gál in dieser Zeit ein Tagebuch mit dem TitelMusic Behind Barbed-Wire: A Diary of Summer 1940 (siehe Bücher und Aufsätze). Darin hielt er ausführlich seine Beobachtungen des Interniertenlebens und seine Reaktionen fest: die Unbequemlichkeiten, die Kleinlichkeit und Unfähigkeit der Behörden, die Ängste und Frustrationen, aber auch die menschlichen Werte, die sich trotz aller Härten – und vielleicht gerade ihretwegen – weiterhin behaupteten. Viele seiner Edinburgher Freunde waren mit ihm interniert; er traf aber auch alte Freunde und Bekannte wieder, die aus anderen Landesteilen ins Lager kamen.

Anfangs hatte Gál keine Neigung zur Musik, doch allmählich kehrte sein Schaffensdrang zurück. In Huyton komponierte er seine Huyton Suite (op.92) für Flöte und zwei Violinen, die einzigen im Lager verfügbaren Instrumente. Die Heiterkeit des Werks bezeugt erneut Gáls Fähigkeit, trotz der äußeren Umstände aus innerer Kraft zu schöpfen. Außerdem schrieb er die Musik zu einer Lagerrevue, What a Life!. Die Hindernisse bei ihrer Einstudierung und schließlich die Begeisterung über ihr Gelingen bilden für große Teile des Tagebuchs einen fortlaufenden tragikomischen Hintergrund. Trotz seiner Abneigung gegen die Internierung blieb er nach seiner Freilassung einen zusätzlichen Tag im Lager, um die zweite Aufführung zu geben. Sie wurde ein überwältigender Erfolg.

Bis zum Herbst 1940 führten der Einsatz liberal gesinnter Politiker und anderer Persönlichkeiten sowie der Untergang derArandora Starzur Einsicht in die Torheit der Internierungspolitik. Ende September dieses Jahres konnte Gál als freier Mann nach Edinburgh zurückkehren.

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