23. Späte Werke

Nach den 1950er Jahren nahm die Zahl von Gáls größeren Orchesterwerken ab. In den 1960er Jahren schrieb er zweiSinfoniettenfür Mandolinenorchester (Op.81, Op.86) für seinen Wiener Freund Vinzenz Hladky, der an der Wiener Akademie ein Mandolinenorchester leitete. Für dessen Mandolinen hatte er zuvor bereits die Improvisation, Variationen und Finale über ein Thema von Mozart und das Capriccio für Mandolinenorchester geschrieben. Hinzu kam das Concertino für Violoncello (Op.87). In den 1970er Jahren erschienen die Orchestersuite Triptychon (Triptych) (Op.100) und seine vierte Sinfonie: Sinfonia Concertante für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Orchester (Op.105). Kennzeichnend für seine letzten 25 Jahre ist jedoch vor allem die Konzentration auf Kammermusik für unterschiedlichste Instrumente und Besetzungen. Dazu gehören das Concertino für Altblockflöte/Flöte und Streichquartett (Op.82), Sonaten für Klarinette (Op.84) und Oboe (Op.85), das dritte und vierteStreichquartett (Op.95 und Op.99), dreiDuos (Op.90 (1), Op.90(2), Op.90(3), Trios(Op.88 und Op.104), dasStreichquintett (Op.106) und das Klarinettenquintett (Op.107), die beiden letzten aus dem Jahr 1977, als der Komponist bereits 87 Jahre alt war.

Zu erwähnen bleibt Gáls wichtigstes Klavierwerk, die Vierundzwanzig Präludien (Op.83). Ihren Ursprung verdanken sie einem zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt 1960, während dessen er täglich ein Präludium schrieb, um – wie er scherzhaft sagte – nicht aus der Übung zu kommen.

[Übersetzung des englischen Zitats:] „Was unter so ungewöhnlichen Umständen begonnen worden war, wurde in den folgenden Monaten fortgesetzt, ausgearbeitet und überarbeitet. Mehrere Stücke wurden durch andere ersetzt, sodass die endgültige Fassung nur wenige der ‚Krankenhausstücke‘ enthält. Nach Abschluss des Gesamtwerks meinte der Komponist: Wenn Bach seinerzeit das Wohltemperierte Klavier geschrieben habe, um zu zeigen, dass man in allen Tonarten komponieren könne – was damals keineswegs selbstverständlich gewesen sei –, dann sei es an der Zeit zu zeigen, dass man auch heute noch in allen Tonarten komponieren könne.“ [Otto Schmidtgen: ‚Hans Gál’s neues Klavierwerk‘,Das Podium1/2, 1961. Monatliche Mitteilungen der Mainzer Liedertafel und Damengesangsverein, Mainz]

Über das Werk selbst sagte Gál:

[Übersetzung des englischen Zitats:] „Die Präludien waren ein Geburtstagsgeschenk an mich selbst. Sie sind Studien über Klavierklang, Klaviertechnik und die konzentrierte Miniaturform. Jedes dieser drei Elemente ist für mich ein Gebiet unerschöpflicher Möglichkeiten. Beim Schreiben hatte ich angesichts der unglaublichen Vielfalt dessen, was sich zwischen den schwarzen und weißen Tasten abspielen kann, das Gefühl, noch einmal 24 schreiben zu können, ohne mich zu wiederholen. Alle Präludien sind so knapp wie möglich, um einen Gedanken präzise zu gestalten.“ [Zitiert nach Waldstein, a. a. O., S. 38]

Ebenfalls als Geburtstagsgeschenk, diesmal jedoch zu seinemneunzigstenGeburtstag, schrieb Gál Vierundzwanzig Fugen für Klavier (Op.108) und spielte sie sogar mehrfach öffentlich in Großbritannien und Deutschland. 1982 entstanden zwei Werke für Violoncello solo (Op.109a und Op.109b); im folgenden Jahr erschienenVier Bagatellen und eine Sonatine für Blockflöte (Op.110a und b), obwohl er schon seit Jahren erklärte, seine Werkstatt sei geschlossen. Die Hinwendung vor allem zur Kammermusik im Alter spiegelt zweifellos die persönlichere, stärker nach innen gerichtete Situation eines Komponisten wider, der nun fern vom öffentlichen Leben und zunehmend zurückgezogen lebte. Dass seine allerletzten Werke sämtlich Soloinstrumenten gelten, ist sicher bezeichnend. Hinzu kamen jedoch seine stetig wachsende Erfahrung und Meisterschaft. Mit Blick auf seinDuo für Fagott und Violoncello (Op.90, Nr.1) sagte er (Übersetzung des englischen Zitats): „Ich war 40, ehe ich lernte, dreistimmig zu schreiben – und 60, ehe ich lernte, zweistimmig zu schreiben.“ [Zitiert nach Waldstein, a. a. O., S. 38]

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