15. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten
Hitlers Machtübernahme Anfang 1933 setzte Gáls Karriere in Deutschland wegen seiner jüdischen Herkunft ein jähes Ende. Im März 1933 besetzten die Nationalsozialisten Mainz. Die Stadt war keineswegs eine Nazi-Hochburg; eigens ein Trupp aus Worms musste dafür entsandt werden. An öffentlichen Gebäuden, auch am Konservatorium, wurde die Hakenkreuzfahne gehisst. Bald erschienen in der örtlichen Presse Artikel gegen die ‚jüdische Leitung‘ des Konservatoriums; einer endete mit den Worten ‚Weg mit dem Juden Gal. Mainzer Konservatorium für deutsche Kunst!‘ Am 29. März erhielt er ein Schreiben der Behörden mit der knappen Mitteilung: ‚Hiermit beurlaube ich Sie mit sofortiger Wirkung.‘ Seine Sekretärin erinnerte sich: ‚Direktor Gál nahm einfach seinen Hut und ging.‘ [Zitate aus der englischen Wiedergabe übersetzt.] Doch er verlor nicht nur seine Anstellung: Fortan waren alle Aufführungen und Veröffentlichungen seiner Werke in Deutschland verboten, womit ihm auf einen Schlag die Lebensgrundlage entzogen wurde. Das Violinkonzert war einen Monat zuvor uraufgeführt worden, doch die Oper Die beiden Klaas, deren Aufführung Fritz Busch in Dresden vorbereitete, konnte infolge der Ereignisse in Deutschland nicht mehr auf die Bühne kommen (mehr).
Die Familie blieb zunächst in Mainz, doch bald wurde klar, dass sie dort nicht bleiben konnte. Schon ihre vielen Freunde wurden gefährdet: Deren Besuche im Haus, um Anteilnahme und Unterstützung auszudrücken, wurden von Nazi-Wachen vor der Tür genau überwacht. Auch die Kinder wurden in der Schule beschimpft. Daher zog die Familie zu Bekannten in den Schwarzwald, in das Kinderheim, in dem sie zuvor kurze Ferien verbracht hatte. Von dort verfolgte Gál seine Rechtsansprüche weiter; das Verfahren zog sich übrigens ein Jahr hin. Charakteristischerweise gelang es ihm sogar unter diesen verzweifelten Umständen, weiter zu komponieren. So entstand seine Nachtmusik (op.44) für Sopran, Männerchor, Flöte, Violoncello und Klavier nach einem Gedicht Grimmelshausens, dessen Text bezeichnenderweise lautet: ‚Komm, o Nachtigall, Trost der Nacht‘ [aus der englischen Wiedergabe übersetzt]. Da er seine kulturellen Wurzeln nicht durch Emigration kappen wollte, kehrte Gál später im selben Jahr mit seiner Familie nach Wien zurück.
Eine letzte Anmerkung: Der Mainzer Vermieter der Gáls weigerte sich, für April bis August 1933 Miete anzunehmen – sein persönlicher Protest gegen das NS-Regime.
