25. Gáls Musik

Kennzeichnend für Gáls Musik sind die bemerkenswerte Beständigkeit und Eigenständigkeit ihres Stils. Obwohl sie tief in der österreichisch-deutschen Musiktradition verwurzelt ist, hatte er schon mit Anfang zwanzig seine eigene musikalische Sprache gefunden. Ihr blieb er treu, wobei er stets offen für neue Formen und Besetzungen war. Von modischen Strömungen und Bewegungen seiner eigenen wie auch späterer Generationen hielt er sich fern. Das Verzeichnis seiner veröffentlichten Werke ist umfangreich und umfasst Kompositionen aller Gattungen. Gemeinsam sind ihnen Klarheit und Präzision, die aus seiner vollkommenen Beherrschung des Materials erwachsen. Seine Musik verbindet polyphone Struktur mit fließender Melodik, freien, ausdrucksvollen Lyrismus mit emotionaler Zurückhaltung. Sie ist oft komplex, aber nie undurchsichtig, häufig geistreich, aber nie banal, durchweg optimistisch, aber nie oberflächlich.

Sein persönlicher Stil lässt sich nicht auf einen einzelnen oder bestimmten ‚Einfluss‘ zurückführen. Wohl aber lassen sich besondere Affinitäten erkennen: zu den frühen Klassikern, deren Klarheit, Plastizität und spielerischer Humor zu Gáls Grundelementen gehören; zu Brahms, dessen lyrische und zugleich zurückhaltende Romantik für ihn ähnlich grundlegend ist; zu den chromatischen Harmonien und der erweiterten Tonalität der frühen, vorseriellen Moderne; zu einer schubertischen Liebe zur Melodie; und zum Kontrapunkt, der von Anfang an wesentlicher Bestandteil seines Stils war und ihm durch die lebenslange Beschäftigung mit J. S. Bach zur zweiten Natur wurde.

Im wechselhaften Wandel musikalischer Moden, besonders in den Nachkriegsjahren, wurde Gáls Tonsprache häufig missverstanden, ja als konservativ und als Rückgriff auf eine frühere Epoche abgetan. Sein langes Leben mag diesen Eindruck noch verstärkt haben: Von einem lebenden Komponisten erwartete man, dass er ‚modern‘ sei. Damit wird man seinen Werken jedoch nicht gerecht. Gewiss hielt er an den musikalischen Werten fest, auf denen die großen Klassiker beruhen, und zwar in einer Zeit, in der diese zumindest in manchen Kreisen unzeitgemäß erschienen. Seine Werke zeigen aber eindrucksvoll, wie schöpferisch sich die Tradition, in der er arbeitete, weiterentwickeln ließ und wie er ihr seinen eigenen Stempel aufdrückte: mit einem unverwechselbaren Stil und musikalischen Charakter.

Nach oben