18. Emigration

Die Gáls kamen im März 1938 nach London: zuerst Hanna, eine Woche später Hans. Die Kinder folgten zwei Monate danach. Von Gáls Schwestern kam Gretl ebenfalls Anfang 1938 nach England; Erna, die nach Norwegen geflohen war, folgte kurz vor dem deutschen Einmarsch dort 1940. Die dritte Schwester Edith und ihre Mutter Ilka hatten weniger Glück. Sie verließen Wien 1939, um bei Tante Jenny Fleischer in Weimar zu wohnen, doch die Verhältnisse wurden dort immer schwieriger. Ilka Gál starb im März 1942 nach einem schweren Unfall im Krankenhaus. Jenny und Edith nahmen sich im April 1942 das Leben, unmittelbar bevor sie in ein Konzentrationslager deportiert werden sollten (mehr . . .).

Wie viele andere Flüchtlinge ließen sich die Gáls zunächst in London nieder, wo sie abwechselnd in elenden Unterkünften und bei großzügigen Gastgebern wohnten. Eine Arbeitserlaubnis war zunächst nicht in Aussicht. Ein ehemaliger Schüler Gáls, der durch eine Radiosendung von dessen Schicksal erfahren hatte, vermittelte den Kontakt zu einem 82-jährigen Aristokraten. Dieser lebte allein auf seinem Landsitz – abgesehen von acht Bediensteten, sieben Gärtnern und einem Chauffeur – und aß ausschließlich Haferbrei. Die Gáls verbrachten einen Monat bei ihm. Weitere Einladungen von mitfühlenden, hilfsbereiten Gastgebern folgten.

Der Gegensatz zu der Welt, die sie hinter sich gelassen hatten, war beträchtlich. Hanna erinnerte sich an ihre damaligen Eindrücke (aus der englischen Wiedergabe übersetzt):

„Der Vorfrühling 1938 war ganz außergewöhnlich schön. Wochenlang schien jeden Tag die Sonne. Die Parks waren ein Traum. In den nahen Kensington Gardens sahen wir fasziniert zu, wie alte Männer in Gummistiefeln ebenso wie Kinder in den Teich stiegen, um ihre Modellboote zu beobachten und zu lenken. Menschen gingen und spielten auf dem Rasen – was in Parks auf dem Kontinent streng verboten ist. Die Vielfalt blühender Kästen und Sträucher, die herrlich gepflegten Beete mit Tulpen und anderen Frühlingsblumen: All das faszinierte und verwirrte uns. In unserer respektablen Pension legte die Besitzerin zum Abendessen ein scheußliches langes Abendkleid an, doch das ganze Haus roch fast zum Erbrechen nach Hammelfleisch. Eines Tages saß Hans mit einer älteren Dame allein im Salon und hörte die Neun-Uhr-Nachrichten, als das Zimmermädchen ihn ans Telefon rief. Als er zurückkam, waren die Nachrichten vorbei, aber die alte Dame stand kerzengerade mitten im leeren Salon, während die Nationalhymne erklang. Diese Episode vergaß er nie. Ebenso wenig den ersten Samstag im April: Nach einem sehr anstrengenden Vormittag schlief er fest auf seinem Bett, als Nelly, das Zimmermädchen, mit der großen Nachricht an die Tür klopfte: ‚Oxford hat gewonnen.‘“ [Private Korrespondenz, 1.4.1988.]

Eine zufällige Begegnung mitSir Donald Tovey, einem bedeutenden Musiker und Musikwissenschaftler, in dem Gál einen Geistesverwandten erkannte, führte zu einer Einladung nach Edinburgh. Dort hatte Tovey den Lehrstuhl für Musik an der Universität inne und wollte Gál für die Universität gewinnen. Da zu diesem Zeitpunkt keine Stelle frei war, beschäftigte er ihn zunächst mit der Neuordnung und Katalogisierung der Reid Music Library. Das bot Gál im Sommer und Herbst 1938 eine willkommene Tätigkeit. Doch kurz darauf erlitt Tovey einen Herzinfarkt und starb, bevor er die erhoffte Lehrtätigkeit vermitteln konnte.Gál kehrte nach London zurück, wo Hanna inzwischen die Erlaubnis erhalten hatte, als Sprachtherapeutin zu arbeiten. Schließlich wurde ihr für ein ganzes Jahr ein Haus zur Verfügung gestellt, das ihnen und ihren beiden Söhnen endlich ein Familienheim bot.

Kurz darauf, im Herbst 1939, brach jedoch der Krieg aus, und Hanna verlor sofort ihre Arbeit. Nun beschlossen sie, nach Edinburgh zu ziehen. Dort ergab sich eine günstige Wohnmöglichkeit, indem Hanna die Haushaltsführung fürSir Herbert Griersonübernahm, den emeritierten Professor für englische Literatur an der Universität. In dieser durch und durch kultivierten Umgebung mit guten Gesprächen, Kammermusik und Gesang fühlte sich Gál wohl. Er komponierte weiter, bildete einen Madrigalchor, gründete ein Flüchtlingsorchester und gab Konzerte. Auch schloss er viele dauerhafte Freundschaften mit geistig interessierten, gebildeten Menschen, nicht unbedingt aus dem Musikbereich; viele, aber nicht alle waren wie er Flüchtlinge. Dazu gehörten unter anderem Max Born, der spätere Physik-Nobelpreisträger, mit dem Gál Kammermusik spielte, die Neurologin Käthe Hermann, der Biologe Willy Gross und der Zahnarzt Hugo Schneider.

Nach oben