13. Berufung nach Mainz
1929 starb Mandyczewski. Möglicherweise veranlassten dieser Verlust und die Erfolge seiner Kompositionen in Deutschland Gál dazu, sich um die freie Direktorenstelle am Konservatorium in Mainz im Rheinland zu bewerben. In seinem Bewerbungsschreiben formulierte er es so (aus der englischen Wiedergabe übersetzt): ‚Meine Werke sind bei deutschen Verlagen erschienen und in fast allen deutschen Städten aufgeführt worden; ich glaube daher, im Hinblick auf meine gesamte bisherige Tätigkeit in Deutschland nicht als Ausländer angesehen zu werden.‘ Er war einer von 120 Bewerbern, erhielt jedoch nachdrückliche Unterstützung durch seine Fürsprecher, darunter Wilhelm Furtwängler, damals Dirigent der Berliner Philharmoniker, Fritz Busch, Dirigent und Leiter der Dresdner Oper, sowie die Operndirektoren in Breslau und Frankfurt. Möglicherweise setzte sich auch Richard Strauss für Gál ein. Nach einem strengen Auswahlverfahren wurde Gál durch einstimmigen Beschluss der Berufungskommission, bestätigt von den Stadtvätern, ernannt und trat die Stelle am 3. Dezember 1929 an. Seine Familie folgte im März 1930 und bezog ein prächtiges Jugendstilhaus mit einem großen ‚Ochsenaugenfenster‘ zum Rhein (Zitat aus der englischen Wiedergabe übersetzt):
„Den Blick auf den Rhein und den lebhaften Verkehr dort fand ich immer wunderbar. Wir hatten ein Fenster zum Rhein, rund im Jugendstil, sozusagen ein hässliches Wahrzeichen von Mainz. Aber aus diesem runden Fenster hinauszuschauen war wunderbar.“
Die Stelle war gewiss keine Sinekure: Das Konservatorium hatte etwa 1000 Studierende und 70 Lehrkräfte, und Gál war umfassend in seine Arbeit eingebunden. Er leitete selbst die Chöre und das Orchester, unterrichtete die Dirigierklasse sowie Kontrapunkt, Harmonielehre und Komposition und hatte daneben noch einige Klavierschüler. Seine Ziele für das Konservatorium legte er in einem Artikel der örtlichen Presse dar, der nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt erschien (aus der englischen Wiedergabe übersetzt):
„Auch musikalisch bereits Veranlagte müssen gewissermaßen zu einem höheren, intensiveren, wahrhaft künstlerischen Musikempfinden erweckt werden, als Musizierende ebenso wie als Hörende … Diese Fähigkeit zum produktiven Hören und Erleben, die ich künstlerische Empfänglichkeit nennen möchte, ist heute, wie jeder aufmerksame Beobachter bestätigen kann, trotz aller Bemühungen um eine breitere Verbreitung der Kultur in ernstem Rückgang begriffen. Der Hauptmangel liegt, kurz gesagt, in der Fähigkeit des Lehrers, das musikalische Kunstwerk für den Schüler lebendig werden zu lassen, dem er es vermitteln soll … Echte Begeisterung, wahre Freude an der Musik erwächst nur aus einem Meisterwerk, niemals aus etwas Wertlosem oder Unbedeutendem, das auf Dauer niemanden befriedigen kann. Daher ist schlechte Musik viel, viel schädlicher, als allgemein angenommen wird: Sie zerstört nicht nur den Geschmack, sondern mittelbar auch die Freude an der Musik … Künstlerisches Empfinden und musikalische Begeisterung können … nur an den Meisterwerken der großen Komponisten erlernt werden; der beste Weg dazu führt natürlich überpraktisches Musizieren." [Mainzer Anzeiger,31.12.1929 ]
Um diese Ziele zu verwirklichen, berief Gál eine Reihe hervorragender Musiker an das Konservatorium, darunter die Wiener Pianistin Louise Wandel. Außerdem gründete er einen Frauenchor und ein Madrigalensemble; scherzhaft nannte man ihn ‚Hans Madri-Gál‘.
Ein lebendiges Bild von Gáls Unterricht zeichnet Otto Schmidtgen, damals Student und viel später sein Nachfolger als Konservatoriumsdirektor und engagierter Förderer seiner Musik (aus der englischen Wiedergabe übersetzt):
„Gáls Unterricht war äußerst lehrreich, getragen von umfassendem Wissen und einer außerordentlichen Literaturkenntnis, die mich noch heute erstaunt. Unterricht von solch hoher Warte lässt sich kaum in einen ‚Stundenplan‘ pressen … Niemals war nur vom gerade behandelten Werk die Rede; der Horizont war sehr weit, sodass etwa bei einer Besprechung des ‚Rosenkavaliers‘ plötzlich Probleme erörtert wurden, die Bach und Mozart betrafen. Der Unterricht hatte nichts Schulmeisterliches, sondern eher den Charakter eines freundschaftlichen Gesprächs … Wir alle spürten, dass hier eine Persönlichkeit von ganz besonderem Format stand, die alle anderen weit überragte.“ [Waldstein,a. a. O., S.91–2.]
Eines tat Gál allerdings nicht: Er ließ seine Schüler keine seiner eigenen Kompositionen studieren, und am Konservatorium wurden sie nie aufgeführt. In Konzerten der Stadt erklangen sie selbstverständlich dennoch vor einem dankbaren Publikum.
Hanna Gál zufolge half die intensive berufliche Tätigkeit Gál, den Verlust seines Freundes und Mentors Mandyczewski zu bewältigen. Sie schrieb (aus der englischen Wiedergabe übersetzt):
„Die anregende und sehr anstrengende Arbeit in Mainz half ihm über den Verlust hinweg. In Wien wäre es schrecklich gewesen! Kein Mandy im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde, kein Mandy in der Direktorenloge im Musikvereinssaal, kein Mandy, der mehr wusste als das beste Lexikon, kein Mandy, der gute Freund und Ratgeber!“ [Private Korrespondenz, Oktober 1989.]
