Hans Gál · 1890–1987

Rückkehr nach Wien

1933 aus Deutschland vertrieben, kehrten die Gáls nach Wien zurück. Damit waren sie nicht allein: Deutschland mit seinem regen Musikleben hatte in den 1920er Jahren viele österreichische Musiker angezogen, darunter zahlreiche jüdische. Viele kehrten nun zurück, andere emigrierten in die Tschechoslowakei, nach Frankreich oder in die Schweiz, manche weiter nach England oder in die USA. Für die Gáls lag die Rückkehr nach Wien nahe: Dort hatten sie Familie und Freunde, sogar noch etwas Geld, und Gál wollte sich nicht von seinen kulturellen Wurzeln lösen. Tatsächlich war Österreich jedoch alles andere als ein idealer Zufluchtsort vor nationalsozialistischer Verfolgung in Deutschland. Parallel zu den deutschen Entwicklungen zeigten sich auch hier bereits faschistische Tendenzen. Bundeskanzler Dollfuß unterdrückte Anfang der 1930er Jahre sozialistische Bewegungen und wurde im Juli 1934 bei einem nationalsozialistischen Putschversuch ermordet. Die Saat für den späteren ‚Anschluss‘ Österreichs an Deutschland war bereits gelegt.

Die Schwierigkeit für die zurückgekehrten Exilierten bestand nicht allein im Verlust ihrer Anstellung. Deutschland mit seinen zahlreichen Opernhäusern, Orchestern und Verlagen war mit Abstand der wichtigste Absatzmarkt für Werke österreichischer Komponisten gewesen; dieser Markt war ihnen nun verschlossen. Für Gál gab es nur noch wenige Aufführungsmöglichkeiten. Eine davon bot sich im Dezember 1934 in Zürich: die Uraufführung des SchauspielsHin und Her vonÖdön von Horváth(1901–1938), einem weiteren Wiener Flüchtling aus Deutschland. Gál hatte die Musik geschrieben und dirigierte selbst. Bezeichnenderweise handelt das Stück von den vergeblichen Versuchen eines Mannes auf einer Brücke zwischen zwei Ländern, für eines der beiden einen Pass zu erhalten.

Gál musste nun versuchen, an sein früheres Leben in Wien anzuknüpfen. Ohne feste Anstellung war er für seinen Lebensunterhalt vor allem auf Privatunterricht angewiesen. Gelegentlich dirigierte er das neue Wiener Konzertorchester und übernahm wieder die 1927 von ihm gegründete Madrigalvereinigung sowie die Konzerte der Bach-Gesellschaft. Das bedeutendste Werk dieser Zeit ist die Kantate De Profundis (op.50), die Vertonung eines von ihm selbst zusammengestellten Zyklus barocker Gedichte. Diese groß angelegte fünfsätzige Vokalsinfonie für Solostimmen, Chor, Orchester und Orgel ist ‚dem Gedenken an diese Zeit, ihr Elend und ihre Opfer‘ gewidmet [aus der englischen Wiedergabe übersetzt]. Ihre Texte über den Dreißigjährigen Krieg spiegeln mit apokalyptischer Anschaulichkeit Gáls Ahnung drohenden Unheils. Dennoch bezeugt das ohne unmittelbare Aussicht auf Aufführung geschriebene Werk seinen unerschütterlichen Glauben an Gültigkeit und Lebenskraft der musikalischen Tradition, in der es so fest verankert ist. Mit seiner Komposition befreite er sich als schöpferischer Künstler vom Trauma des Jahres 1933. Waldstein (a. a. O., S.62) weist darauf hin, dass jeder Satz in Dur endet: trotz aller Verzweiflung positiv und lebensbejahend. Waldstein formuliert es so (aus der englischen Wiedergabe übersetzt):

„Die Sätze dieser Kantate sind nicht wie die Akte eines Schauspiels, die aufeinanderfolgen und als Abfolge ein Ganzes bilden. Sie sind wie Variationen über dasselbe Thema; jeder gelangt zu demselben Schluss, bejaht diese Welt und dieses Leben mit all seiner Bitterkeit und führt Schöpfer und Geschöpf in demütiger Ergebung zusammen. Die Unterschiede liegen allein im Weg, in Licht, Farbe und Landschaft, in den drohenden Gefahren und ihrer Überwindung.“ [Ebenda.]

Eine weitere Komposition dieser Zeit war die Improvisation, Variationen und Finale über ein Thema von Mozart (op.60) für Mandoline und Streicher. Daneben beschäftigte sich Gál mit verschiedenen Bearbeitungen, etwa der Sinfonie in G-Dur von Gluck (1934), sowie mit der Überarbeitung eines musikgeschichtlichen Lehrbuchs von Olga Kurt-Schab (1935).

Schon vor der Annexion 1938 wurde immer deutlicher, dass die Gáls in Österreich keine Zukunft hatten. Als Hitler einmarschierte und Österreich dem ‚Dritten Reich‘ einverleibte, blieb offensichtlich nur die Flucht, zumal die österreichische Bevölkerung ihn mit offenen Armen empfing. Innerhalb von drei Tagen nach dem Grenzübertritt der deutschen Truppen verließ Hanna Österreich, um Hans den Weg zu bereiten und herauszufinden, ob eine Flucht noch möglich war. Hans folgte, und sie gelangten nach London, mit der Absicht, nach Amerika auszuwandern.

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Biografische Anmerkungen

Ödön von Horváth
Der österreichische Dramatiker und Romancier Ödön (Edmund) von Horváth wurde 1901 in Fiume, heute Rijeka, in Kroatien geboren, damals Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie. Sein Vater war Diplomat, und die Familie zog häufig um: nach Belgrad, Budapest, München, Bratislava und Wien. So wurde Ödön in verschiedenen Sprachen unterrichtet („Ich war vierzehn, bevor ich meinen ersten deutschen Satz schrieb“) und wuchs in einer multikulturellen Umgebung auf („Ich bin eine typisch altösterreichische Mischung: ungarisch, kroatisch, tschechisch, deutsch; leider kann ich nur Semitisches nicht bieten“). [Zitate aus der englischen Wiedergabe übersetzt.] 1923 ließ sich die Familie in Murnau in Bayern nieder; dort begann er intensiv zu schreiben. Im folgenden Jahr ging er nach Berlin, wo die meisten seiner Werke entstanden, darunter Die Bergbahn (englisch: ‚The Cable Car‘) [1926], Zur schönen Aussicht (‚The Beautiful View‘) [1926], Sladek, der schwarze Reichswehrmann (‚Sladek the Black Soldier‘) [1928], Italienische Nacht (‚Italian Night‘) [1931], Kasimir und Karoline (‚Kasimir and Caroline‘) [1931] und Geschichten aus dem Wienerwald (‚Tales from the Vienna Woods‘) [1931]. Ab 1929 erhielt er ein regelmäßiges Honorar vom Ullstein-Verlag; 1931 wurde ihm der Kleist-Preis verliehen.

Horváths Werk kritisiert scharf die Haltung des Kleinbürgertums, dessen Gleichgültigkeit den Aufstieg der Nationalsozialisten begünstigte. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 führte seine Gegnerschaft zum NS-Regime zur Absage der Uraufführung von Glaube Liebe Hoffnung (‚Faith Love Hope‘). Das Haus seiner Eltern in Murnau wurde von der Gestapo durchsucht, seine Bücher wurden öffentlich verbrannt. Wie Gál musste er deshalb, wenn auch aus anderen Gründen, Deutschland 1933 und Österreich 1938 verlassen. 1933 kehrte er nach Ungarn zurück, um seine ungarische Staatsangehörigkeit nicht zu verlieren. In diese Zeit gehören Die Unbekannte aus der Seine (‚The Unknown Woman from the Seine‘) [1933], Hin und Her (‚Back and Forth‘) [1933] und Himmelwärts (‚Heavenwards‘) [1934]. Bemerkenswerterweise kehrte er 1934 für ein Jahr nach Berlin zurück, bevor er sich 1936 in Henndorf bei Salzburg niederließ. Dort schrieb er Don Juan kommt aus dem Krieg (‚Don Juan Returns from the War‘) [1936], Ein Dorf ohne Männer (‚A Village without Men‘) [1936], Der jüngste Tag (‚Judgement Day‘) [1936] und Figaro läßt sich scheiden (‚Figaro gets a Divorce‘) [1936] sowie die Romane Jugend ohne Gott (‚Youth without God‘) [1937] und Ein Kind unserer Zeit (‚A Child of our Time‘) [1937]. Gál arbeitete mit Horváth an mehreren dieser Werke zusammen.

Als die Nationalsozialisten 1938 Österreich annektierten, floh Horváth über die Tschechoslowakei, Italien und die Schweiz nach Paris. Bei einem Spaziergang auf den Champs-Élysées wurde er dort von einem plötzlichen Sturm überrascht und von einem herabfallenden Ast erschlagen.

Wie Gáls Werke wurden auch Horváths Werke während der NS-Zeit unterdrückt; in den 1960er Jahren wurden sie jedoch erfolgreich wieder aufgeführt.

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Weiterführendes

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