Hans Gál · 1890–1987

Musikalische Ausbildung

Obwohl Gáls Familie nicht besonders musikalisch war, liebte sein Vater die Oper und nahm Hans und seine drei Schwestern zu Aufführungen mit. Das weckte sein Interesse an Musik. Als Hans acht Jahre alt war, bemerkte Tante Jenny bei einem Besuch seine musikalische Begabung und bestand darauf, dass er Klavierunterricht erhielt. Das Üben machte ihm wenig Freude; später gestand er, heimlich die Uhrzeiger vorgestellt zu haben, um die Übungszeit zu verkürzen.

Den entscheidenden Anstoß gab jedoch ein Schülerkonzert, bei dem die Ouvertüre zu Wagners Meistersingern und Beethovens Neunte Sinfonie gespielt wurden. Hans war vierzehn; es war sein erstes Orchesterkonzert. Die Neunte Sinfonie beeindruckte ihn so sehr, dass eine seiner Schwestern sie immer wieder vierhändig mit ihm spielen musste. In den folgenden Jahren entwickelte er eine leidenschaftliche Liebe zur Musik. Wie alle anderen machte er „einen heftigen Anfall von Wagnerismus durch, als wären es die Masern“ [Brief an John Russell, 14.9.1956; aus dem Englischen übersetzt]. Er besuchte Opernaufführungen, darunter einige unter Mahler, an dessen Dirigieren er sich selbst achtzig Jahre später noch deutlich erinnern konnte. Ebenfalls unvergessen blieb eine Aufführung von Strauss’ Salome im Jahr 1907 durch ein gastierendes Ensemble aus Breslau im Deutschen Volkstheater.

Nach mehreren Klavierlehrern wurde Hans mit fünfzehn schließlich Schüler von Richard Robert (1861–1924), damals Direktor des Neuen Wiener Konservatoriums und einer der angesehensten Lehrer Wiens. Unter Roberts Anleitung legte Gál im April 1909 seine Musiklehrerprüfung ab, die Musikgeschichte, Klavierspiel und Harmonielehre umfasste.

Hanna Gál erinnerte sich (Zitat aus der englischen Fassung übersetzt):

„Im ersten Viertel des Jahrhunderts wirkten in Wien gleichzeitig drei hervorragende Klavierlehrer. An der Akademie lehrte Emil Sauer, selbst ein Schüler Liszts, der seine Schüler vor allem zu höchster Virtuosität ausbildete. Auch der weltberühmte Leschetizky hatte sich in Wien niedergelassen. Seine Schüler erkannte man an ihrer wunderbar gestalteten Klanggebung. Der dritte hoch angesehene Klavierlehrer war Professor Robert. Seine Schüler waren nicht bloß ‚Klavierspieler‘, wie Hans es nannte. Sie mussten vom Blatt transponieren können; Liedbegleitung und Partiturspiel wurden geübt. Klara Haskill, bevor die Familie nach Paris zog, [Georg] Szell, Hans, [Rudolf] Serkin, Rudi [Rudolf] Schwarz und viele andere Musiker gingen aus seiner Schule hervor.. Frau Robert kümmerte sich um das gesellschaftliche Leben von Roberts Schülern. Szell fand dort seine erste Frau.“ [Private Korrespondenz, 10.10.1989]

Durch seine gesellschaftlichen Kontakte im Robert-Kreis lernte Gál auch Skifahren, was ihm, wie Hanna schreibt, „eine neue Welt erschloss und große Freude bereitete“ [ebenda; aus der englischen Fassung übersetzt].

Am Ende seiner Schulzeit war Gál bereits ein versierter Pianist. Ohne kompositionstechnische Ausbildung hatte er rund 100 Lieder, Klavierfassungen von vier Opernskizzen und zahllose Klavierstücke geschrieben – alles Werke seiner Lehrzeit, die er später vernichtete.

1909 vermittelte Robert ihm eine Stelle als Lehrer für Harmonielehre und Klavier am Neuen Wiener Konservatorium. Dadurch konnte er sein Studium finanzieren. Wieder durch Robert fand er glücklicherweise seinen idealen Mentor und „geistigen Vater“ in Eusebius Mandyczewski(1857–1929), der zum engsten Freundeskreis von Brahms gehört hatte. Bei ihm arbeitete Gál zwei Jahre lang (1909–11) intensiv an musikalischer Form und Kontrapunkt. Er liebte und verehrte Mandyczewski und blieb bis zu dessen Tod in engem Kontakt mit ihm (mehr ...).

Über Gáls Verhältnis zu Mandyczewski berichtet Hanna Gál (Zitat aus der englischen Fassung übersetzt):

„Als Junggeselle verbrachte Hans zweimal seine Sommerferien in Mönichkirchen, einem waldreichen Dorf in den Bergen oberhalb von Aspang. Mandyczewski hatte sich dort ein Haus nach eigenen Vorstellungen bauen lassen. Als es fertig war, malte ein befreundeter Künstler eine orgelspielende heilige Cäcilia al fresco an die Wand. Im Gasthaus hörte Hans zwei Einheimische über das Haus und seinen Schmuck sprechen. Der eine: ‚Ja, warum hat er denn nicht die Jungfrau Maria aufs Haus gemalt?‘ Die Antwort: ‚Die hat nicht Klavier spielen können.‘

Hans verbrachte dort eine glückliche Zeit. Er wohnte sehr behaglich bei Fräulein Loni, der ehemaligen Köchin des Pfarrers, der ihr das Haus hinterlassen hatte. Er arbeitete viel, wanderte täglich stundenlang durch die schönen Wälder und konnte jederzeit Mandyczewski besuchen, mit der reizenden kleinen Vicki spielen, die damals etwa vier Jahre alt war, und mit Herrn oder Frau Mandyczewski über Ernstes und Belangloses sprechen. Besser hätte er es sich nicht wünschen können.“ [Persönliche Korrespondenz, Oktober 1989.]

Gleichzeitig (1909–1911) begann Gál sein musikwissenschaftliches Studium am Musikhistorischen Institut der Universität bei Guido Adler (1855–1941), dem bedeutenden Musikhistoriker und Begründer der Reihe Denkmäler der Tonkunst in Österreich. 1913 schloss er sein Studium mit der Dissertation „Die Stileigentümlichkeiten des jungen Beethoven und ihr Zusammenhang mit dem Stil seiner Reife“ ab. Ihr wurde die seltene Ehre zuteil, in Adlers eigener Reihe veröffentlicht zu werden: Studien zur Musikwissenschaft.

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Biografische Anmerkungen

Richard Robert
Richard Robert wurde 1861 in Wien geboren. Nach dem Musikstudium am Wiener Konservatorium arbeitete er als Theaterdirigent und Pianist, bevor er sich mit großem Erfolg dem Unterrichten zuwandte. Zu seinen Schülern gehörten neben Hans Gál unter anderem Klara Haskill, Georg Szell, Rudolf Serkin, Alfred Rosé, Wilhelm Gross und Rudolf Schwarz.

Robert war auch Musikkritiker und redigierte von 1885 bis 1891 die Musikalische Rundschau. 1909 übernahm er kurzzeitig die Leitung des Neuen Wiener Konservatoriums, an dem er zuvor Kurse über musikalische Stilkunde gegeben hatte. Er starb 1924 in Wien.

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Eusebius Mandyczewski
Eusebius Mandyczewski wurde 1857 in der Ukraine als Sohn eines griechisch-orthodoxen Priesters geboren. Er studierte bei Nottebohm in Wien und wurde Archivar der Gesellschaft der Musikfreunde. Seit 1879 war er eng mit Brahms befreundet. Ab 1897 unterrichtete er am Wiener Konservatorium.

Er besaß außerordentliche Gelehrsamkeit und Bildung, veröffentlichte jedoch vergleichsweise wenig. Er gab die Gesamtausgabe der Werke Schuberts und gemeinsam mit Gál diejenige von Brahms heraus. Er starb 1929.

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Mandyczewski
1957, zum 100. Geburtstag Mandyczewskis, schrieb Gál über seinen Lehrer (aus der englischen Wiedergabe übersetzt):

Wenn ich sagen sollte, wer einschließlich meiner nächsten Familie den tiefsten und nachhaltigsten Einfluss auf meine Entwicklung ausgeübt hat, würde ich ohne einen Augenblick zu zögern meinen Lehrer Eusebius Mandyczewski nennen. Von dem, was ich bei ihm lernte, war der Unterricht, wie wichtig und grundlegend er auch gewesen sein mag, der geringste Teil. Das Wesentliche, was er seinem Schüler gab, war er selbst: seine Haltung, seine unbedingte Wahrhaftigkeit, seine künstlerische und menschliche Integrität. Wem dies unzugänglich blieb, der blieb ihm fern und er jenem. Mit achtzehn oder neunzehn ist man zu jung, um solche Dinge bewusst zu erfassen; erst viel später wurden sie mir klar. Was der junge Mensch aber vom ersten Augenblick an gewiss instinktiv spürte, war die Autorität eines unbedingten Glaubens an die wirksame Kraft dessen, was der Geist der Großen und Unsterblichen im Lauf der Jahrhunderte geschaffen hatte. Er vermittelte das Handwerk auf die einzig richtige Weise: durch Vorbild und Unterweisung, nach der Methode der gotischen Bauhütte. Ich sah nie ein Lehrbuch, ebenso wie ich selbst im Unterricht nie eines verwenden konnte.

War das erste Ziel des Lehrers die Vermittlung handwerklicher Fähigkeiten, so vergaß er doch nie über den Mitteln den Zweck: durch freie Gestaltung der Form zu sich selbst zu finden. Für ihn verstand es sich von selbst, dass dies nur auf einer einzigen, unerschütterlich festen Grundlage möglich war: auf unbedingter Wahrhaftigkeit. ‚Wer nicht gewiss ist, beim Jüngsten Gericht für jede geschriebene Note einstehen zu können, sollte gar nicht erst anfangen‘ – vielleicht sprach er diesen Satz nie aus, doch er war der Kern seiner Lehre. Für das Falsche und Gekünstelte, für Erzeugnisse der Trägheit, der Mode oder der Geltungssucht hatte er weder Verständnis noch Geduld. Ebenso wenig Geduld zeigte er in gelegentlichen Urteilen über Menschen, die er grundsätzlich ablehnte. ‚Was wollen Sie‘, pflegte er zu sagen, ‚er ist eben ein Schuft‘, oder auch ‚ein Wichtigtuer‘; damit war die Sache für ihn erledigt. Überraschend war seine natürliche Liebenswürdigkeit solchen Menschen gegenüber. Er nahm sich vor Schuften und Wichtigtuern in Acht, doch ich sah ihn ihnen nie anders als mit sanfter Freundlichkeit begegnen. Beim Phänomen des Schufts genügte ihm das Wissen, dass es existierte, zur notwendigen Weltordnung gehörte und man sich persönlich davon fernhalten musste, um nicht angesteckt zu werden. Was für Menschen galt, galt ebenso für Handlungen und Äußerungen jeder Art.

Wenn es einen Adel des Daseins und des Geistes gibt, besaß Mandyczewski ihn in höherem Maß als jeder andere Mensch, den ich gekannt habe. Dieser geistige Adel stand ihm ins Gesicht geschrieben: in den vollkommen schönen, ruhigen, nachdenklichen Zügen eines Menschen, der fest in seiner inneren Welt verankert ist und den das Leben zum Stoiker gemacht hat. Nach einer schweren Operation antwortete er einem Arzt, der ihn nach Schmerzen fragte, lächelnd: ‚Ich wusste, dass es nicht angenehm sein würde.‘

Gemessen am ungeheuren Reichtum seines Könnens und Wissens veröffentlichte er wenig, abgesehen von seiner Mitarbeit an den großen Gesamtausgaben der Klassiker Schubert, Haydn und Brahms. Sein enzyklopädisches, von einem untrüglichen Gedächtnis getragenes Wissen stand jedem zur Verfügung, der es nutzen wollte. Die dicken Bände, die er hätte schreiben können, entstanden nie, weil er kein Bedürfnis empfand, sein Wissen anders als im persönlichen Kontakt mitzuteilen. Den unvergesslichen Gewinn hatten alle, denen das Glück des Umgangs mit ihm zuteilwurde.

Jedenfalls sollte man nicht vergessen, dass auch der Weiseste der Weisen, Sokrates, keine Bücher hinterließ.

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Guido Adler
Guido Adler wurde 1855 in Mähren geboren. Am Wiener Konservatorium studierte er Theorie und Komposition bei Bruckner und Dessoff. Während seines Universitätsstudiums gründete er unter anderem mit Hugo Wolf einen ‚Akademischen Wagner-Verein‘. Nach seiner Ernennung zum Dozenten für Musik an der Universität 1882 gehörte er zu den Gründern der bedeutenden Vierteljahrschrift für Musikwissenschaft. 1885 wurde er Professor für Musikgeschichte an der Universität Prag; 1898 trat er in Wien Hanslicks Nachfolge an.

Von 1894 bis 1938 gab er die Reihe Denkmäler der Tonkunst in Österreich heraus, die ältere österreichische Musik bis zur Zeit Beethovens veröffentlichte. Außerdem redigierte er das bedeutende Handbuch der Musikgeschichte, das 1924 erschien. Er gründete und leitete auch das musikhistorische Institut der Universität. Viele Wissenschaftler und Komponisten gingen durch seine Schule.

Adler gilt als Begründer der modernen Musikwissenschaft. Besonders bekannt ist er für seine Arbeiten zur Stilanalyse. Er starb 1941.

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Weiterführendes

Gáls Leben in Daten →Stammbaum →Skizzenbuch →Illustriertes PDF ↓