Trails of Creativity: Musik aus der Zwischenkriegszeit – Wien–Berlin–London 1918–1938 (Trails of Creativity: Music from between the Wars - Vienna-Berlin-London 1918-1938)

Trails of Creativity: Musik aus der Zwischenkriegszeit – Wien–Berlin–London 1918–1938
David Frühwirth (Violine), Henry Sigfridsson (Klavier)
Enthält Gál, Violinsonate in D (1933)*
Avie AV009
2002
*Hörprobe verfügbar.
Diese CD wurde in der Februarausgabe 2003 der Zeitschrift Gramophoneals Empfehlung der Redaktion („Editor’s Choice“) ausgewählt; das Scherzo aus der Sonate ist auf der beiliegenden CD enthalten.
Bezugs- und Hörmöglichkeiten
[Aus BBC Music Magazine, Januar 2003; Übersetzung]
„Entartete“ wiederbelebt
Malcolm Miller trifft einen Geiger, der sich die Entdeckung gesamteuropäischer Verbindungen zur Aufgabe gemacht hat
England
Das 2001 in London veranstaltete Festival „Vienna-Berlin-London, 1918–1938“ brachte faszinierende Verbindungen zwischen europäischen Komponisten der Zwanziger- und Dreißigerjahre ans Licht. Dazu gehörten auch jene, deren Werke das nationalsozialistische Regime als „Entartete Musik“ brandmarkte und die in Großbritannien und Amerika Zuflucht fanden. Mehrere wiederentdeckte Kostbarkeiten dieses Repertoires erscheinen nun auf einer CD des österreichischen Geigers David Frühwirth und des finnischen Pianisten Henri Sigfridsson. Frühwirth, der kontinuierlich eine internationale Karriere aufbaut – er studierte bei Ricci, Bron und Zukerman und gewann 1998 den New York Panasonic Award –, setzt sich leidenschaftlich für diese vernachlässigte Musik ein. Dabei unterstützt ihn ein erfahrenes Team: Produzent ist Michael Haas, der Deccas Reihe Entartete Musik konzipierte; Tonmeister ist Simon Fox, Enkel des Wiener Komponisten Hans Gal. „Ich glaube an Gal und liebe seine Musik“, sagt Frühwirth. „Die Zweite Violinsonate ist ein wahrhaft leidenschaftliches Werk.“
Eine von Frühwirths überraschenderen Entdeckungen ist die Suite für Violine von Adolf Busch, dem Primarius des berühmten Busch-Quartetts, der in den Dreißigerjahren von Berlin in die USA emigrierte. „Busch komponierte sehr viel, und seine Witwe setzt sich dafür ein, dass seine Werke gespielt werden. Viele, darunter Sinfonien, liegen noch als Manuskript vor.“ Weitere vertretene Komponisten sind der in Polen geborene Berliner Karol Rathaus sowie die bekannteren Kurt Weill und Erich Korngold, die nach Hollywood beziehungsweise an den Broadway flohen. Frühwirth sagt, die Auswahl lohnenden Repertoires sei nicht immer leicht gewesen: „Ich musste entscheiden, was wirklich gut und nicht bloß historisch interessant war. Von 15 englischen Werken jener Zeit kamen mindestens zehn infrage. Besonderes Glück hatten wir jedoch, erstmals die neu veröffentlichte vollständige Fassung von Waltons Toccata aufnehmen zu können.“
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[Aus Gramophone, Februar 2003; Übersetzung]
Ein faszinierendes, gut präsentiertes Programm mit überwiegend unbekanntem Repertoire
Hier sind sieben Ersteinspielungen versammelt. Zwei Stücke, die keine sind – die Suiten von Korngold und Weill –, sind in ihren Orchesterfassungen weit bekannter. Fast alle sind echte Entdeckungen, etwa Hans Gáls Sonate D-Dur von 1933, seine zweite, die die erste CD eröffnet. Seine Musik ist, ebenso wie die von Egon Wellesz, dessen Suite von 1937 – zwanzig Jahre später revidiert – im Mittelpunkt der zweiten CD steht, im Aufnahmestudio und im Konzertsaal nach wie vor skandalös unterrepräsentiert. Dabei ist die Sonate ein warmes, lyrisches, wunderschön gefügtes Werk. Kaum zu glauben, dass sie erst im November 2001 von denselben Künstlern uraufgeführt wurde. Wellesz’ Werk bedient sich einer strengeren, von Schönberg geprägten Sprache, enthält aber auch neobarocke Elemente. Das gilt ebenso für die Suite von Karol Rathaus, einem weiteren unterschätzten Komponisten, dessen Werk den unbefangenen Hörer vielleicht unmittelbarer anspricht. Ihre vier tonalen, aber scharf konturierten Sätze bilden einen guten Gegensatz zu Gáls Sonate, lassen Frederick Rosses blasse Bühnenmusik zu The Merchant of Venice von 1905 in Albert Sammons’ idiomatischer Bearbeitung von 1921 jedoch zurücktreten. Wenn ein Stück stilistisch und qualitativ fehl am Platz ist, dann dieses; Korngolds Suite Much Ado About Nothing folgt ihm in jeder Bedeutung des Wortes überlegen nach.
Waltons jugendliche Toccata (1922–3) ist eine echte Überraschung, fast überhaupt nicht als Werk des Schöpfers von Belshazzar’s Feast zu erkennen. Sie ist faszinierend anzuhören, nicht zuletzt wegen ihrer Anklänge an zeitgenössische europäische Meister und des Fehlens offensichtlicher „Englishness“. Sie wirkt unmittelbarer als Buschs Suite, deren „exquisite Handwerkskunst“ sich letztlich jedoch als befriedigender erweist. Stefan Frenkels mit Zustimmung des Komponisten entstandene Bearbeitung von Weills Dreigroschenoper-Suite ist unterhaltsam und höchst instrumentengerecht; ihr burlesker Charakter bildet einen schönen Gegensatz zu den beiden Gurney-Miniaturen am Ende des Programms. Beide Musiker spielen verständnisvoll und einfühlsam, auch wenn Frühwirths Intonation gelegentlich etwas fragwürdig ist und die Stimmung von Sigfridssons Klavier in Waltons Toccata hörbar leidet. Dies sind jedoch vergleichsweise kleine Einwände gegen ein so lohnendes und oft fesselndes musikalisches Unternehmen, das – abgesehen vom Rosse – diese Werke zu Recht dem Vergessen entreißt. Empfohlen.
Guy Rickards















































































