Hans Gál & Hans Krása: Sämtliche Streichtrios (Hans Gál & Hans Krása: Complete String Trios)

Hans Gál & Hans Krása: Sämtliche Streichtrios
Ensemble Epomeo (Caroline Chin, vn., David Yang, va, KennethWoods, vc)
Gál: Serenade in D op. 41 ; Trio in fis-Moll op. 104 (Ersteinspielungen)
Krása: Tanec (Tanz); Passacaglia und Fuga
Avie AV2259
2012
Bezugs- und Hörmöglichkeiten
MusicWeb International – Aufnahme des Monats, Oktober 2012 (Übersetzung)
Endlich scheint Hans Gáls Stern aufzugehen: In den letzten Jahren erschienen unter anderem Sinfonien (2; 3; 4), sein Violinkonzert, Cellokonzert, Cellowerke, Werke für Violine und Klavier, Klaviertrios, Klavierduos und Soloklaviermusik. Das ist eine enorme Verbesserung gegenüber der Situation noch im Jahr 2001, als lediglich drei seiner Werke auf Tonträgern erhältlich waren; heute sind es über 40.
Gál wurde in Wien geboren und stammte aus einer ungarisch-jüdischen Familie. Es überrascht nicht, dass er Deutschland verließ, wo er als Direktor des Mainzer Konservatoriums gearbeitet hatte, nachdem ihn die Nationalsozialisten entlassen und seine Musik verboten hatten. Zunächst kehrte er nach Wien zurück. Nach Hitlers Annexion Österreichs 1938 kam er ins Vereinigte Königreich, wo er es mit Frau und zwei Kindern und ohne unmittelbare Anstellung schwer hatte. In der damals in Großbritannien herrschenden panischen Stimmung wurde er im Mai 1940 inhaftiert, zunächst in Huyton, dann im Internierungslager in Douglas auf der Isle of Man. Gál war zwar nicht als Ausländer der Kategorie A eingestuft, deren Angehörige alle bei Kriegsausbruch festgenommen wurden. Doch Churchills nach dem Fall Frankreichs ausgegebene Anweisung, „sie alle einzusperren“, führte dazu, dass auch Ausländer der Kategorie B und ein großer Teil der Kategorie C verhaftet wurden: insgesamt über 27.000 Internierte. Es ist eine Ironie, dass auch Juden, die den Alliierten am offenkundigsten wohlgesinnt waren, von dieser Aktion erfasst wurden. Schließlich erkannte man die Torheit dieser Politik, und Gál sowie viele andere wurden nach einigen Monaten entlassen. Den größten Teil seines langen Lebens verbrachte er in Schottland, wo er das reiche Musikleben bereicherte und bis weit über das Rentenalter hinaus an der Universität Edinburgh arbeitete.
Gáls Serenade in D op. 41 stammt von 1932 und ist ein überaus reizvolles Werk voller frei fließender Melodielinien. Der heitere, an Haydn erinnernde Beginn lässt nicht ahnen, was folgt: deutlich mehr Kontrapunkt, aber weiterhin ein insgesamt launiger Charakter. Der erste Satz hüpft geradezu durch seine zehn Minuten. Gál wusste gewiss, wie man eine gute Melodie schreibt, und scheute sich nicht davor – zu einer Zeit, als die Avantgarde ihre musikalischen Muskeln spielen ließ und Experimentierfreude als unerlässlich galt. Trotz ihres modernen Charakters ist diese Musik vollkommen bezaubernd; das Hauptthema wird leicht zu einem jener Ohrwürmer, die im Kopf immer wieder erklingen. Bald ist man überzeugt, es seit Jahren zu kennen, obwohl es sich um eine Weltersteinspielung handelt. Der zweite Satz, Cantabile. Adagio, ist eine innige, schöne kleine Melodie. Obwohl dunkler, ist sie so herrlich üppig, dass man dennoch vor Freude lächeln muss. Das von der Violine eingeführte Hauptthema übernimmt am Schluss die Viola vor einem wunderbar reichen Hintergrund. Das Menuetto kehrt zum Haydnschen Stil des ersten Satzes zurück; das Violoncello spielt im musikalischen Gespräch eine bedeutende Rolle. Die Violine schwebt kanonisch darüber, und man ist versucht zu vermuten, Papa Haydn selbst hätte diesen Erfindungsreichtum herzlich gebilligt. Der letzte Satz, Alla marcia, ist erneut wunderbar melodisch und brillant funkelnd komponiert. Allerlei kluge musikalische Mittel treiben das Geschehen voran, und das Werk endet mit einer schwungvollen Geste.
Gáls Trio op. 104 entstand fast vierzig Jahre später, 1971, im Auftrag der London Viola d’Amore Society. Die hier gespielte Fassung für ein konventionelles Trio schrieb er zur selben Zeit. Das Werk ist insgesamt dunkler gestimmt als die Serenade, wie man es vielleicht von einem über 80-Jährigen im Vergleich zu einem 42-Jährigen erwarten darf. In jedem Fall ist es ein weiteres Beispiel für diesen höchst eigenständigen, wunderbaren Komponisten, dem offenbar nie die herrlichen Melodien ausgingen, die beim ersten Hören für sich gewinnen. Während das eröffnende Tranquillo con moto dunkel und tief nachdenklich ist, wirkt das Presto leicht und humorvoll. Es tanzt durch seine kurze Dauer und führt in das Finale Tema con variazione mit sieben deutlich unterschiedenen Abschnitten. Der Cellist des Ensembles, Kenneth Woods, schrieb den Begleittext. Er erfasst das Wesen dieses letzten Satzes genau: Er enthalte, wie Woods es ausdrückt, „wiederkehrende Kreisläufe von Verzweiflung und Hoffnung, ohne dass Gál je verriete, ob das Werk wohl in Dunkelheit oder Licht enden wird“. Gáls Lösung bestehe darin, „eine Auflösung ganz zu vermeiden“, indem er mit einem humorvollen Alla Marcia schließe. Das deutet darauf hin, dass das Leben weitergeht, was auch geschieht, und dass „der Kreislauf von Tragödie und Hoffnung ewig ist, die Wurzel aller menschlichen Komödie …“. Welche bessere Art könnte es geben, auf das Leben zu blicken und diese Sicht in so eindeutigen musikalischen Worten mit anderen zu teilen?
Die beiden anderen Werke dieser CD stammen von einem Komponisten derselben Epoche, derselben Weltgegend – Mitteleuropa – und desselben jüdischen Erbes. Er erlitt das Schicksal, das zweifellos auch Gál getroffen hätte, wäre dieser nicht rechtzeitig nach Großbritannien gekommen. Auch Hans Krása wurde in ein Internierungslager gebracht; das CD-Begleitheft zeigt von jedem Komponisten ein Foto neben dem jeweiligen Lager. Krása gelangte jedoch nach Theresienstadt im Norden seiner tschechoslowakischen Heimat. Dort beteiligte er sich am regen Musikleben und schrieb wie andere dort gefangene Komponisten mehrere Werke unter diesen widrigen Umständen. Im Oktober 1944 wurde er zusammen mit den Komponisten Gideon Klein, Viktor Ullmann und Pavel Haas nach Auschwitz deportiert und nur zwei Tage nach seiner Ankunft in die Gaskammern geschickt. Der Gedanke an den Tod dieser hochbegabten Komponisten ist für mich beinahe unerträglich, besonders wenn ich ihre Musik höre und mir vorstelle, welche weiteren Freuden sie der Welt geschenkt hätten, wenn sie am Leben geblieben wären. Während man sich über Hans Gáls Leben freut – er wurde 97 Jahre alt, und seine Musik entwickelte sich über ein langes, produktives Leben –, ist es herzzerreißend, die Musik Krásas zu hören, der mit 45 starb. Beide hier eingespielten Werke entstanden in seinem letzten Lebensjahr. Wie seine Komponistenkollegen in Theresienstadt weigerte sich Krása, sich von den nationalsozialistischen Bewachern innerlich brechen zu lassen. Diese Werke sind trotzige Antworten auf den Wahnsinn, den das Dritte Reich über die Welt brachte. In Tanec (Tanz), dessen Titel den wilden, beißenden Inhalt nicht erahnen lässt, rufen Anklänge an Züge einen Gegensatz zwischen Nostalgie und offener Bedrohung hervor. Ich fühlte mich an Steve Reichs Different Trains erinnert und bin ziemlich sicher, dass Reich sich für sein eigenes Werk von diesem Stück inspiriert haben könnte. In diesem kurzen Stück wird so viel gesagt, dass es überwältigt. In Passacaglia und Fuga, Krásas letztem vollendeten Werk, drückt er sich so tiefgreifend aus, dass es einen zum Weinen bringen kann. Kenneth Woods’ ausgezeichneter Begleittext erklärt die musikalische Struktur vollkommen und ermöglicht es den Hörern, wesentlich mehr aus der Musik zu gewinnen als ohne ihn. Ich werde nicht versuchen, dies zu paraphrasieren oder eine eigene Deutung zu liefern, was mir ohnehin nicht gelänge, sondern zitiere seine Zusammenfassung: „… die Diskussion entartet zum Streit, und der Streit geht in Gewalt über.“ Wen können solche musikalischen Gedanken wundern, wenn man wissentlich der Vernichtung entgegengeht, weil man als etwas geboren wurde, das die Bewacher nicht dulden wollen?
Die CD hinterlässt einen tief bewegt und zugleich erschöpft; ich kann mir kaum vorstellen, wie es sein muss, diese Musik zu spielen. In jeder Hinsicht ist dies ein außerordentlich wichtiges musikalisches Dokument: Es stellt zwei bislang nicht eingespielte Werke eines großen Komponisten des 20. Jahrhunderts vor, dessen nun endlich größere Bekanntheit ein enormes Talent offenbart hat, und zwei Werke eines wunderbaren Komponisten, dessen schöpferisches Genie in der Blüte seiner Jahre ausgelöscht wurde.
Das Ensemble Epomeo spielt alle vier Kompositionen mit großem Engagement und brillanter Gestaltungskraft und legt jede Nuance dieser vier wunderbaren Streichtriowerke offen. Sie können neben allem bestehen, was in dieser Gattung geschrieben wurde.
In jeder Hinsicht ist dies eine fantastische CD, die man immer wieder hören möchte.
Steve Arloff















































































